Bundesfeier in Therwil
Therwil, 31.07.2026 — Festrede von Bundesrat Beat Jans
La parole prononcée fait foi (ce contenu n'est pas disponible en français)
Geschätzter Herr Gemeindepräsident
Liebe Menschen aus Therwil und anderswo
Liebe Schweizerinnen und Schweizer
Heimatland, die sind ja nicht ganz hundert in Therwil!
So kann man eine Rede nur hier beginnen, im 99er-Dorf. Wobei «Dorf» eigentlich untertrieben ist, bei zehntausend Einwohnerinnen und Einwohnern. Jedenfalls freue ich mich, heute hier zu sein. Herzlichen Dank für die Einladung ins schöne Leimental!
Heimatland, ist das schön hier!
Auf das wollte ich eigentlich hinaus. Schliesslich ist der 1. August die Gelegenheit, um sich Gedanken über unsere Heimat zu machen. Therwil gehört zur Region und zum Land, das ich meine Heimat nenne. Aber was ist eigentlich Heimat? Ist es wirklich etwas, das man auf der Landkarte findet?
Als Kind war meine Heimat der Block in Riehen, wo ich aufgewachsen bin. Er hätte irgendwo sein können. Später kamen die Schule und meine Freunde dazu. Seit ich Bundesrat bin, bedeutet Heimat für mich auch, dass ich als Regierungsmitglied hier unter Ihnen sitzen, eine Bratwurst essen, diskutieren und den 1. August feiern kann. Für meine Frau Tracy, die aus den USA stammt, bedeutet Heimat nochmals etwas anderes: Gute Nachbarschaft und das Gefühl, dazuzugehören, das ist für sie Heimat.
Heimat ist mehr als ein Ort. Das realisiert man, wenn man reist. Oft merkt man erst weit weg von der Heimat, was einem am nächsten ist. Die Schriftstellerin Ella Maillart hat es so gesagt: «Ich musste in der Wüste leben, um die ganze Bedeutung von grünen Wiesen erfassen zu können». Wir, die unter Hitze und Trockenheit leiden, unter den Folgen des Klimawandels, erfahren gerade hautnah und ohne zu reisen, wie wertvoll grüne Wiesen sind.
Heimat hat viel mit Vertrautheit und Sicherheit zu tun. Heimat kann ein Geruch sein oder etwas zum Essen. Oder ein pünktlicher Zug. Ein Ricola-Däfeli am anderen Ende der Welt oder eine freundschaftliche Geste des Nachbarn. Und ja, Heimat kann auch eine Zahl sein. Zum Beispiel 99.
Liebe 99erinnen und 99er
Heimat ist vielfältig und entwickelt sich weiter. Heimat besteht aus unzähligen persönlichen Geschichten, und die Schweiz gibt all diesen Geschichten Platz. Auch das macht die Schweiz so grossartig. «Switzerland, great since 1291», ist ein Zitat unseres Bundespräsidenten. Das geht wortwörtlich auf seine Kappe.
Die Schweiz, grossartig seit 1291. Ich würde sogar sagen: Die Schweiz ist in diesen 735 Jahren immer grossartiger geworden. Am Anfang waren es ein paar Innerschweizer Eidgenossen, nach und nach sind mehr dazugekommen. Andere Kulturen, andere Sprachen, andere Geschichten. Ihr loser Staatenbund hat die Eidgenossen dazu verdammt, aufeinander zu- und einzugehen. Der Bundesstaat von 1848 hat Machtteilung, Kompromiss und Ausgleich schliesslich zu Schweizer Grundprinzipien erhoben. Unsere Institutionen sind gewachsen: Die direkte Demokratie, der Föderalismus, unser Rechtsstaat mit den Grundrechten und zuletzt – endlich – das Frauenstimmrecht.
Auch nach 735 Jahren sind wir noch nicht am Ziel. Zum Beispiel, wenn es um die Bekämpfung häuslicher und sexualisierter Gewalt geht. Denn Heimat hat eben auch viel mit Sicherheit zu tun: Daheim fühlt man sich dort, wo man sicher ist.
Oft reden wir über die Schweiz, als wäre sie etwas Fertiges. Als könnten wir sie bewahren und verwalten. Aber wenn wir zurückschauen, sehen wir etwas anderes: Jede Generation hat das Land geprägt und verändert, jede hat Antworten auf neue Fragen finden müssen. Jede Generation hat entscheiden müssen, welchen Weg sie geht.
Die Schweiz entwickelt sich weiter. Die Schweiz ist immer nur eine Momentaufnahme. Früher lagen zwischen Genf und St. Gallen Welten – heute nur noch zwischen Basel-Stadt und Baselland… Früher hat es in der Küche Raps- und Sonnenblumenöl gegeben, heute steht das Olivenöl selbstverständlich daneben.
Gastarbeiter haben in der Schweiz Grosses vollbracht, sie haben Kraftwerke und Tunnel gebaut und Wohlstand geschaffen. Flüchtlinge haben hier geschrieben, gewirkt und geforscht. Sie haben unsere Schweiz mitgeprägt und damit dazu beigetragen, wie die Welt uns sieht. Zugewanderte haben Schweizer Uhren gross gemacht, den Grundstein für unsere Pharmaindustrie gelegt und Sportgeschichte geschrieben.
Heute wissen wir: Viele, die hier ihre Heimat gefunden haben, haben unsere Schweiz verändert – und bereichert. Unsere Geschichte ist keine Geschichte der Abschottung,
sondern eine Geschichte der Vielfalt, der Offenheit und des Zusammenhalts. Diese Kombination hat uns stark gemacht. Das können wir mit gesundem Selbstvertrauen feststellen. Und das brauchen wir, gerade jetzt.
Liebe Zugehörige, Zugezogene und Zugewanderte
Man erzählt sich, dass Therwiler und Reinacher im Mittelalter immer mal wieder Grenzsteine verschoben haben – eigenmächtig und natürlich zu eigenen Gunsten.
Schauen wir heute die Welt an, müssen wir sagen: Das Mittelalter scheint wieder zurückzukommen. Statt um die Wasserscheide auf dem «Chäppeli» geht es um die Ukraine, Grönland oder die Strasse von Hormus. Statt der Stärke des Rechts, gilt immer öfters wieder das Recht des Stärkeren – und des Unverschämteren.
Die Welt ist wieder unberechenbar und unsicherer geworden.
Genau da kommen unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn ins Spiel. In unberechenbaren und unsicheren Zeiten sind diese umso wichtiger.
Wir gehören zwar nicht zur EU, aber wir gehören zu Europa. Die Geografie macht uns zu Nachbarn, die Wirtschaft macht uns zu Partnern, gemeinsame Werte und Interessen machen uns zu Verbündeten.
Natürlich müssen wir unsere Hausaufgaben machen, aber das allein reicht nicht. In einer vernetzten, digitalisierten und mobilen Welt meistern wir die grossen Herausforderungen nur gemeinsam. Egal ob es um Migration und Asyl, internationale Handels- und Zollpolitik, den Kampf gegen die organisierte Kriminalität oder die Abwehr von neuen Bedrohungen wie Desinformation und Cyber geht – der Austausch und die Kooperation mit den Nachbarländern und mit der EU sind entscheidend.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die europäische Einigung unserem Kontinent – und damit auch uns in der Schweiz – eine noch nie dagewesene Phase des Friedens, des Wohlstands, des Austauschs und der Sicherheit gebracht.
Verteidigen können wir das nur gemeinsam. Gemeinsam mit unseren Nachbarn und Partnern, gemeinsam mit unseren Verbündeten. Die Schweiz hatte zwar nie einen König, aber einen Königsweg: den bilateralen Weg. Diesen bilateralen Weg will der Bundesrat sichern und weiterentwickeln.
Mit ein bisschen Abstand erkennt man: Auch Europa ist Heimat.
Liebe Europäerinnen und Europäer
Als Bundesrat ist man am 1. August in der ganzen Schweiz unterwegs. Heute bin ich bei Ihnen in Therwil. Morgen Vormittag bin ich im Emmental auf einem Bauernhof und am Abend zum Abschluss im multikulturellen Genf zu Gast.
Unterwegs durch die Schweizer Vielfalt.
Diese Vielfalt verpflichtet. Sie verpflichtet uns, Rücksicht zu nehmen, Kompromisse einzugehen und unterschiedliche Meinungen als Chance zu sehen. Tragen wir Sorge zum Miteinander, zur unserer politischen Kultur und unserer Demokratie.
Demokratie heisst nicht, dass immer alles so läuft, wie man will. Auch und erst recht nicht als Bundesrat. Auch das ist für mich Heimat. Heimat ist dort, wo man aufeinander eingeht, wo man mitbestimmen darf. Heimat ist dort, wo man auch mal verliert und sich trotzdem weiter engagiert. Heimat ist, wo man Möglichkeiten hat.
Oft sprechen wir über Unterschiede, als würde sie uns trennen, aber eigentlich stimmt das Gegenteil: Es sind die Vielfalt und die Offenheit ihr gegenüber, die uns verbinden und weiterbringen. Nur gemeinsam entsteht das grosse Ganze: unsere Schweiz.
Liebe Menschen aus Therwil und anderswo,
Heimatliebende und -suchende
Was es mit der Zahl 99 auf sich hat, weiss niemand mit Sicherheit. 100 Därwiler Soldaten, erzählt man sich, seien einst gegen Reinach ausgerückt. Auf dem «Chäppeli» habe der Anführer dann nur 99 Mann gezählt – weil er sich selbst mitzuzählen vergas. Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht. Vielleicht hat es auch mit den Schwabenkriegen von 1499 im Bruderholz oder mit 99 Eseln zu tun.
Eigentlich ist das Schönste an der 99 sowieso etwas anderes: 99 steht gleichzeitig für Vielfalt und für Offenheit. Dafür, dass es immer noch Platz hat. Für Menschen, die dazukommen und hier ihre Heimat finden, für neue Ideen, die uns weiterbringen.
Darum geht es am 1. August – oder am 31. Juli: Dass wir Vielfalt als Chance sehen, dass wir miteinander im Gespräch und offen bleiben. Dass wir die Schweiz gemeinsam noch grossartiger machen. Wir feiern unsere Heimat und unsere Schweiz. Wir feiern alle etwas anderes – und doch dasselbe.
Und wissen Sie was? Vielleicht ist Heimat eben tatsächlich nicht ein Ort, sondern die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen und gemeinsam unterwegs sind.
Da bin ich mir mindestens zu 99 Prozent sicher…
Ich wünsche Ihnen allen von Herzen einen schönen, vielfältigen, offenen, und optimistischen 1. August!
Herzlichen Dank.
