Natur und Landschaft – Wirkung durch Zusammenarbeit
Bern, 18.03.2026 — Rede von Bundesrat Albert Rösti an der BAFU-Tagung «Natur und Landschaft – Wirkung durch Zusammenarbeit»
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Damen und Herren,
geschätzte Vertreterinnen und Vertreter von Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft
Es freut mich, heute bei Ihnen zu sein – an einer Tagung mit einem Motto, das von mir sein könnte: «Wirkung durch Zusammenarbeit». Dieses Motto bringt auf den Punkt, was mir in meiner Arbeit besonders wichtig ist: Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Zwischen Fachgebieten. Zwischen Verwaltungsebenen. Damit wir es schaffen, unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen.
Beginnen wir mit dem, was uns verbindet: Die Schweiz hat grossartige Berge, Wälder, Seen – kurz: einzigartige Landschaften. Diese natürliche Vielfalt macht die Schweiz aus, sie prägt uns. Und wir alle – Politikerinnen, Forscher, Planerinnen, Behörden, Bürger – wollen diesen Reichtum bewahren.
Gleichzeitig ist die Schweiz das Land der ausgezeichneten Infrastrukturen. Wir haben ein dichtes Schienen- und Strassennetz, das uns zuverlässig zur Arbeit und in die Schule bringt; eine verlässliche Energieversorgung, die uns Wärme und Komfort schenkt; Siedlungen, Arbeitsplätze und Freizeitanlagen – all das ist auch Teil unserer Lebensqualität. Wir pflegen die Infrastrukturen und wir bauen sie aus: Stichwort «Verkehr ’45», Stichwort Neugestaltung der Energieversorgung, sprich Ausstieg aus den fossilen Energien, Zubau der erneuerbaren Energien Wasser, Solar und Wind.
Landschaftliche Vielfalt und Infrastruktur – beides gehört zu unserer Lebensqualität. Wir wollen es erhalten und weiterentwickeln.
Nur: Landschaft und Natur schützen und sie nutzen – das ist ein doppelter Anspruch, der uns alle herausfordert. Ein klassischer Zielkonflikt.
Es ist mein tägliches Brot, als Umwelt- und Verkehrs- und Energieminister Schutz und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Nicht ideologisch, sondern lösungsorientiert. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Das ist anspruchsvoll – aber es ist möglich. Dies zeigen folgende Beispiele:
Beispiel 1: Kraftwerk Nant de Drances:
Bei diesem Pumpspeicherkraftwerk galt es, die Energieproduktion mit dem Naturschutz zu vereinen. Dies mit dem übergeordneten Ziel, dass unser Land genug Strom herstellen kann, vor allem im Winter. Es ging also um das alpine Ökosystem auf der einen, und um die Versorgungssicherheit auf der anderen Seite. Beiden Ansprüchen konnten die Betreiber gerecht werden. Dank folgenden Elementen:
- Es wurden 15 ökologische Ersatzmassnahmen getroffen, um Eingriffe in die Natur durch den Bau auszugleichen. So wurden regionale Biotope wiederbelebt und neue Biotope geschaffen – zugunsten der Biodiversität.
- Wichtig war zudem: Die Umweltverbände wurden frühzeitig in den Planungsprozess einbezogen – nicht erst am Ende.
- Das Kraftwerk wurde weitestgehend unterirdisch in einer Felskaverne zwischen zwei bestehenden Stauseen errichtet. Damit wurde die Landschaft geschont.
Beispiel 2: BelpmoosSolar:
Ein zweites Beispiel ist das Projekt BelpmoosSolar beim Flughafen Bern. Dort sollten Photovoltaikanlagen im grossen Stil entstehen – ohne den Flugbetrieb zu beeinträchtigen und ohne wertvolle Trockenwiesen zu zerstören.
Energiegewinnung, Luftfahrt und Naturschutz: Auch dies keine einfache Ausgangslage. Es gelang uns aber ein Kompromiss zwischen Energieunternehmen, Flugplatzbetreiber, Umweltverbänden und Behörden. Demnach sollen die wertvollsten Trockenwiesen geschützt bleiben, während die Photovoltaikanlagen auf weniger sensiblen Teilflächen des Flugplatzes errichtet werden. Ein gemeinsamer Austausch führte zu einer sinnvollen Aufteilung der Flächen und zu einer Lösung, hinter der schliesslich alle Beteiligten stehen konnten. Es galt, alle Anliegen konkret vor Ort anzuschauen und das Mit- und Nebeneinander räumlich zu planen.
Beispiel 3: Einhausung Schwamendingen
Als drittes und letztes Beispiel erwähnen möchte ich das Projekt Einhausung Schwamendingen und Überlandpark in der Stadt Zürich – ein in meinen Augen visionäres Projekt.
Denn hier gelang es, drei Anliegen erfolgreich zusammenzuführen:
- Lärmsanierung und Gesundheitsschutz
- Aufrechterhaltung der leistungsfähigen Nationalstrasse
- Aufwertung von Natur- und Wohnraum.
Die A1, die seit ihrem Ausbau in den 1980er-Jahren das Quartier Schwamendingen über eine Strecke von rund einem Kilometer in zwei Hälften teilte, ist heute eingehaust.
Dadurch wird das Quartier von Lärm und Abgasen entlastet. Auf dem Dach der Einhausung – rund acht Meter über dem gewachsenen Terrain – ist ein neuer Park entstanden. Ein Erholungsraum für die Bevölkerung und gleichzeitig ein vielfältig gestalteter Grünraum, der auch für die Biodiversität gut ist. Auch mit diesem Projekt konnten gleich drei Ziele erreicht werden: die Mobilität erhöhen, die Biodiversität fördern und die städtische Lebens- und Landschaftsqualität erhöhen. Bund, Kanton und Stadt haben gemeinsam eine Lösung mit Bestand gefunden.
Besonders bemerkenswert: Die Idee dazu kam aus der Bevölkerung. Politik und Behörden haben den Impuls aufgenommen und umgesetzt. Daraus lernen wir: Solche Projekte werden dann Realität, wenn ein klarer politischer Wille vorhanden ist – sowohl in der Bevölkerung als auch auf allen drei föderalen Ebenen. Und sie gelingen nur, wenn alle Beteiligten bereit sind, partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Sonst bleiben sie Wunschdenken.
Was bei diesen Beispielen gelang, ist mustergültig. Sie zeigen, was es braucht:
- Kooperation – und damit meine ich nicht bloss Kompromisse, sondern gemeinsames Denken von Anfang an. Wichtig ist: Die Beteiligten sollten Planungspartner sein – statt Verhandlungspartner. Wer Umweltverbände, Gemeinden, Wirtschaft und Bevölkerung früh einbindet, wer den Dialog pflegt – der verhindert Blockaden und Einsprachen und gewinnt damit Zeit (und spart mutmasslich auch Geld).
- Es braucht Brückenbauerinnen und Brückenbauer – in der Politik, den Verwaltungen, Unternehmen und Verbänden. Menschen, die bereit sind, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und bei Bedarf auch mal die eigene Position zu hinterfragen. Wirkung durch Zusammenarbeit entsteht, wenn wir auch den Mut haben, unsere Routine zu hinterfragen.
- Es braucht schliesslich auch den gesamtheitlichen Blick. Naturschutz, Energieversorgung, Mobilität, Siedlungsentwicklung: Dies alles sind keine separaten Themen. Wer sie gegeneinander ausspielt, verliert. Wer sie aber zusammen denkt, gewinnt Handlungsspielraum.
Diese Tagung ist daher mehr als ein Austausch über Resultate. Sie ist eine Diskussion über Prozesse, die zu guten Resultaten führten. Es geht um Fragen wie:
- Was ermöglicht Kooperation konkret?
- Welche Brücken mussten gebaut werden?
- Wie kann man neue Ansätze ausprobieren, ohne bewährte Werte aufs Spiel zu setzen?
Évidemment, le chemin de la mise en œuvre est souvent tortueux, mais la Confédération, les cantons et les communes ont l’habitude d’engager le dialogue avec les acteurs de l’économie et de la science, d’étudier des idées, de faire demi-tour ou de repenser les choses jusqu’à trouver des solutions convaincantes – des solutions qui privilégient l’intérêt commun à l’intérêt individuel, qui améliorent la qualité de vie de la population, qui soutiennent le développement régional et protègent notre nature dans le même temps. Ce sont là les véritables « Impacts de la collaboration ».
Le Conseil fédéral établit les conditions-cadres nécessaires à cette collaboration notamment au moyen de la Stratégie Biodiversité Suisse et de la Conception « Paysage suisse ». Pour qu’une stratégie prenne vie, il faut que quelqu’un lui en insuffle, et comme c’est sur le terrain que la mise en œuvre se concrétise, la balle est dans le camp des cantons, des communes, des entreprises, des associations et des institutions de recherche.
Natürlich ist der Weg der Umsetzung selten einfach. Aber Bund, Kantone und Gemeinden sind geübt darin, auf die Wirtschaft und die Wissenschaft zuzugehen, Ideen zu prüfen, zu verwerfen und neu zu denken – bis wir Lösungen finden, die tragen. Lösungen, die das gemeinsame Ziel über Einzelinteressen stellen, die die Lebensqualität der Bevölkerung steigern, die Regionen stärken und gleichzeitig unsere Natur schützen. Das ist Wirkung durch Zusammenarbeit.
Der Bundesrat schafft dafür Rahmenbedingungen – etwa mit der Strategie Biodiversität Schweiz und dem Landschaftskonzept Schweiz. Doch Strategien bleiben Papier, wenn sie nicht mit Leben gefüllt werden. Die konkrete Umsetzung geschieht vor Ort: in den Kantonen und Gemeinden, in Unternehmen, Verbänden und Forschungseinrichtungen.
Fazit
Meine Damen und Herren
Ich fasse zusammen: Es ist eine Stärke unseres Landes, unterschiedliche Interessen geschickt miteinander zu verbinden. Wir haben zunehmend gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Ansprüche gleichzeitig zu befriedigen. Mit entsprechend vielen Zielkonflikten haben wir es zu tun. Ein Balanceakt, gewiss – aber einer, den wir dank gut ausgebildeter Menschen, Kreativität, Innovation und Dialog meistern können.
Wenn uns das gelingt, entstehen Lösungen, von denen alle profitieren: die Bevölkerung, die Wirtschaft – und unsere Natur und Landschaften.
Ich danke Ihnen für Ihr Engagement, für Ihre Arbeit vor Ort und für Ihre Bereitschaft, sich immer wieder aufeinander zuzubewegen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
